AM FLUSS

4 Sep

 AM FLUSS

Es war an einem heißen Sommertag geschehen. Wir waren flussabwärts am Ende der Stadt zum Baden gegangen. Unser Badeplatz lag am linken Ufer vor der der Mündung eines unterirdisch aus der Stadt hervor tretenden Baches. Diese flache Stelle war steinig. Die steile Böschung war dicht mit Büschen bewachsen. Entlang des Flusses war oben im Park eine Schwarzpappel-Allee angelegt. Eine steinerne Brüstung schied den Gehweg von der Uferböschung. Vom Wasser stiegen kühle Winde auf. Die hellen Samen der mächtigen Bäume flogen flauschig durch die Luft. Der dunkle Fluss war vom Park aus über vereinzelte Steintreppen erreichbar. Er roch ganz in seiner Eigenart wie sonst auch. Ich hatte diesen dumpfen Geruch schon als Kind nicht gemocht. Überdies rochen auch die Schwarzpappeln in der Hitze säuerlich.
Wir waren zu viert. Ich war mit einem Freund und zwei Frauen hier. Gleich nach unserer Ankunft hatte ich mich ein wenig flussabwärts entfernt. Ich wollte das Terrain erkunden. Ich war durch den aus einem begehbaren Kanal tretenden Bach gewatet. Auf dessen anderer Seite war es schattiger. Da standen alte Holzhütten. Sie waren leer. In einiger Entfernung konnte ich meine Begleiter stehen sehen. Sie unterhielten sich miteinander. Der Bach und der Fluss rauschten eintönig. Ich konnte keines der gesprochenen Worte meiner Begleiter verstehen. Ich hatte das Singen der Grillen so gern. An diesem Ort waren aber keine zu hören.
Ich spürte die Kühle des Flusses auf meiner Haut. Ich wähnte mich allein. Da war aber ein junger Mann. Er war mir sehr nahe. Er trug wie ich eine Badehose. Der Fremde war kräftig. Sein Oberkörper hatte etwas Kastenartiges. Ich wandte mich von ihm ab.
Ich hatte mich von dem Fremden abgewandt. Finger legten sich um meinen Hals. Zwei starke Hände hatten mich von hinten ergriffen. Ihr Druck war fest. Er hätte aber noch viel kraftvoller sein können. Ich drehte mich um. Die Hände zogen sich zurück. Der Mann in der blauen Badehose stand dicht hinter mir. Ich sah seine Augen. In seinen Augen fieberte es. Es war etwas ganz Gewisses in diesen Augen. Der Mann war von Mordlust getrieben. Er konnte sie sichtlich kaum unterdrücken. Er wollte mich töten. Das verbarg er auch gar nicht.
Ich blieb unerklärlich ruhig. Meine Begleiter waren nicht mehr zu sehen. In den Schatten stand ich alleine mit dem Mann. Da waren nur die Hütten. Zu meinen Füßen rauschte der Fluss. Ich wollte wieder zurück zu meinen Begleitern gelangen. Der Mann ließ mich gehen. Er stand zwischen den Hütten. Er beobachtete mich fortwährend. In seinen Blicken war ein fremdes Leben.
Offenbar hatte ich mich vergangen. Ich atmete dennoch auf. Zwischen grauen Häusern stand ich. Die mehrstöckigen Gebäude waren aus der Nazi-Zeit. Ich fühlte mich gerettet. Zu den Fenstern blickte ich hoch. Sie waren verschlossen. Die Bauten waren rasterartig angelegt. Sie hatten etwas Kasernenartiges. Sie waren unbewohnt. Ich bemerkte auch keine Tiere. Nicht einmal ein Vogel zwitscherte in den Bäumen. Es roch nur dumpf nach dem nahen Fluss. Der säuerliche Geruch der Pappeln stieg mir in die Nase. Da stand er wieder: Der fremde Mann. Er sah riesig und eckig aus. Wir standen uns Brust an Brust gegenüber. Seine Augen waren so eigenartig. In diesen Augen wohnte der Trieb zu töten. In ihnen herrschte eine unabänderliche Kraft. Dieser Kraft konnte sich der Mann nicht entziehen. Ich mich auch nicht! Der Mann streckte langsam seine Hände nach mir aus. Dabei sah er mir direkt in die Augen. Seine Finger legten sich um meinen Hals. Ich war ruhig. Ganz ruhig war ich. Mir war klar: Der Mann musste das tun. Er konnte gar nicht anders. Es hatte nichts mit mir zu tun. Ich war nur eben da. Langsam verstärkte sich der Druck des Würgers. Ich sah ihn direkt an. “Du musst mich umbringen!? Nicht!?” Wieder zog er seine Hände langsam zurück. Er sprach kein Wort. Ich drehte mich um und ging. Ich lief nicht. Ich setzte Schritt vor Schritt. An den steinernen Häusern ging ich entlang. Hinter ihnen rauschte monoton der Fluss. Da waren die Häuser. Da waren Zäune und dichte Büsche. Sie endeten nicht. Ich wandte mich nicht um. Ich spürte Hände sich nach mir ausstrecken. Ich hielt den Kopf gerade und ging weiter. Ich musste den Fluss erreichen. Ich konnte ihn riechen. Ich konnte ihn hören. Er war ganz nahe. Die weißhaarigen Samen der Pappeln flogen mir ins Gesicht. Sie kitzelten mich an der Nase. Ich nieste.

By LitterART, 04/09/2009 ©

3 Antworten to “AM FLUSS”

  1. allzumenschlich 2009/09/05 um 00:58 #

    Sehr klever, gefällt mir, irgendwie.

  2. allzumenschlich 2009/09/05 um 01:11 #

    Weiss nicht recht, was ich damit anfangen soll.
    Die Geschichte ist gut ,denk ich. Finde es aber verwirrend, wie genau ,und was in welcher Reihenfolge da passiert..pløtzlich ist der eckige Mann da, pløtzlich ist er nah, dann gehst das Ich weg, dann ist der Mann doch wieder da. Das læsst einem beim Lesen stocken. Was denkst du?
    Ich hab überlegt, ob ich es als absurd durchgehen lassen wuerde, als ne Art Traum ,vllt..Aber ich glaube, dann ist es mir widerum nicht absurd genug.Wenn man das sprachlich und formell noch absurd gestalten koennte…das wære doch mal nen Projekt.

  3. litterart 2009/09/05 um 01:42 #

    Fiktionales und Non-Fiktionales, Kindheitserinnerungen und Erwachsenenereignisse, Fremd- und Eigenerleben speilen sich in dieser experimentellen Kurzgeschichte auf und verzahnen sich miteinander. Die Reihenfolge ist von dem, was wirklich passiert ist, vorgegeben. Allerdings sind die kontextuellen Geschehnisse zeitlich verschoben und inhaltlich verdichtet. Mag sein, dass dir die Story deshalb einerseits ZU sehr, anderseits ZU wenig absurd erscheint.
    Ja, es ist so ein Sache mit dem ZU-ZU, mein „allzumenschlich“!
    Ich freue mich darauf zu erfahren, wie andere WordPresserInnen meine Art des Erzählens rezipieren.
    Danke für den konstruktiven Kommentar – und für alle weitern!

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