DER PIANIST

20 Aug
 
 

APPORT (Selfportrait by Emil Siemeister) | Photo by LitterART | 20/08/2010 ©


DER PIANIST

Festspielzeit! Der heilige Ernst. Sein Ruf war ihm voraus geeilt. Er schien ungeduldig erwartet zu werden.

Viele der Anwesenden wollten gesehen werden. Einige wollten ihn sehen. Wenige wollten ihn spielen hören. Ganz wenige hatten ihn bereits spielen erlebt. Alle versprachen sich einen genialen Abend; jeder auf seine Weise.

Er erschien. Er wurde geschaut. Er beschritt die Bühne. Er wirkte ungesehen. Sein Körper neigte sich nach vorne. Man hielt den Atem an. Er erinnerte an einen devoten Oberkellner. Mindestens eine Konzertbesucherin lächelte. Seine linke Hand lag auf dem Rücken. Er beachtete das Publikum nicht. Umso mehr beobachte es ihn. Er nahm sofort am Flügel Platz. Unverzüglich begann er zu spielen.

Jeder Pianist tritt anders auf. Dieser ganz besonders anders.

Wer war er? Wo kam er her? Wo ging er hin? Er war einer der besten Pianisten der Welt. Seine Mimik verriet nichts. Die Nacht hatte er in einem Bahnhofshotel verbracht. Luxus bedeute ihm nichts. Sein erstes Konzert hatte er in jungen Jahren gegeben. Niemand wusste viel über sein Leben. Es gab zahlreiche Vermutungen und Legenden.

Sein weißes Haar war länger und schütter. Bach. Er wirkte massig. Sein Körper ruhte. Seine Hände tanzten. Jeder Finger war ein Wesen.

Er war anders. Entweder verachtete er das Publikum. Oder er musste er sich unbeachtet fühlen.

Applaus. Die ständige Störung. Sofort spielte er weiter. Bach. Er solisierte. Das tat er immer und ausschließlich; seit geraumer Zeit.

Das Publikum: unversehens in einem musikalischen Netz aus Poesie gefangen.

Er war unfassbar. Er beschämte und verunsicherte. Zu spät erkannten viele einen Menschenfänger in ihm. An Flucht war nicht zu denken. Die Musik stand für sich. Pianist will keiner da gewesen sein. Die Klänge drangen in das Fleisch der Seelen. Sie nahmen es. Sie legten es in den Magen des Pianisten. Manchmal. Andernmals evozierten sie Chimären. Sie nahmen in Besitz. Das jedenfalls.

Den Zuhörern widerfuhr Ungeheuerliches. Sie fühlten uneingestandene Wirkungen. Diese zogen tiefgreifende Veränderungen nach sich. Man war mit einem sicheren Gefühl hier her gekommen. Verlassen würde das Konzert erschüttert.

Magie.!?

Ausgebacht. Abermals lässt der Genius Applaus über sich ergehen. Da kann man nichts machen!

Chopin. Applaus. Menschen sind eben so. Mit Zugaben soll er niemals geizen.

Eine Dame warf ihm einen Rosenstrauß zu. Die Beiläufigkeit fiel auf das Podium. Für den Pianisten existierte sie nur bedingt. Er schenkte ihr keinen Blick. Er trat nicht auf sie. Er umging sie. Der Blumenstrauß war einfach da. Er blieb liegen.

Am Ende des Konzertes zog er sich zurück wie eine Krabbe. Retourgang.

Ein seltsamer Musiker. Seit vielen Jahren ist keine CD von ihm erschienen. Wozu auch!? In seinem Leben würde das nichts Wesentliches ändern. Und auch nicht in dem seiner Zuhörer.

Bach. Bach. Chopin. Viele hätten sich Musik von Alexander Skrjabin gewünscht. Das Programm bestimmt der Pianist selbst. Keiner hat ein Mitspracherecht. Selbst der Manager des Pianisten nicht. Wie eisern!!! Dennoch: Nach dem Konzert lachte der Musiker. In der Garderobe scherzte er sogar. Essenseinladung nahm er keine an. Er ging zurück in das Bahnhofshotel. Von dort aus reiste er still zurück in die Welt. Zuhause war er in Russland. Dort soll er viel Zeit mit dem Lesen verbringen. Er las nicht nur Noten.

Üben soll er weniger als erwartet. Wie kein Star zu leben braucht er nicht zu üben.

Er hatte viele Steinway-Flügel gespielt. Ihre Eigenheiten hat er alle im Kopf. Konzertflügel hält er für kränkelnd und sterblich. Sie sind sein Unsicherheitsfaktor. Irgendeine Schwäche hat jeder Flügel. Die Steinways zittern vor diesem Pianisten. Auch die Klavierstimmer fürchten ihn panisch.

By LitterART | 20/08/2010 ©

 

4 Antworten to “DER PIANIST”

  1. benphilipp 2010/08/21 um 00:13 #

    Sehr lyrisch!

  2. Petra 2010/08/21 um 12:04 #

    Ich habe meinen Kommentar woanders abgeben müssen: Trüffelchen!
    http://cronenburg.blogspot.com/2010/08/truffelchen.html

  3. rabenblut 2010/08/21 um 13:10 #

    Bei dem Titel allein funktioniert bei mir sofort der Pawlowsche Reflex – ich fange an zu sabbern. Ganz großartig geschrieben!
    Nikola

  4. WORTlieb mARTin 2011/08/05 um 00:51 #

    Danke für diesen poetischen Augenblick.

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