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PLATZ(END)

14 Sep

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Selbst wenn nur wenige Menschen eine inspirierende Veranstaltung besuchen, quillt der größte Raum nach kurzer Zeit vor Gedanken und Gefühlen über. Es haben gar nicht alle Platz, die hinein wollen.

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DER MANN, DER AUTOS MIT WIND ANTREIBEN WOLLTE

14 Mrz

UTOPIEN MEINES GROSSVATERS IN GRAZ UM 1970

Willi Opa . Alter etwa 25 LWIch hatte einen irre coolen Großvater: Meinen ebenso bewunderten wie geliebten „Opa Willi“! Die Ereignisse und Erlebnisse mit ihm würden mehrere Bücher füllen. Ich habe heute noch die die schnalzenden blauen Blitze vor Augen und den Geruch des Ozons in der Nase, die wir mit einer von ihm selbst gebauten Influenzmaschine, im Idealfall windbetrieben, erzeugt haben. Und bei den jüngsten Berichten über Brennstoffzellenfahrzeuge als Alternative zu den immer populärer werdenden E-Autos mit ihren schweren Akkus und langen Ladezeiten fällt mir auch das ein: Wie ich als Kind mit meinem Opa zwei an einer Batterie befestigte Drähte in ein Wasserglas hielt. An beiden Drahtenden bildeten sich Blasen. Sauerstoff und Wasserstoff. Elektrolyse. Den Wasserstoff fingen wir mit einem umgestülpten Schnapsglas auf. Den Inhalt entzündeten wir. Flusch! Heissa juchhe. Knallgas für Miniexplosionsverpuffungsspaß! Das hat nicht immer funktioniert. Aber öfters. Und ich höre meinen Großvater sagen: „Wir werden viele Wasserstofftankstellen brauchen. Der Wasserstoff hat eine große Ausdehnung und er ist extrem explosiv. Man muss ihn komprimieren und Techniken entwickeln, wie man ihn in kleine, umfallsichere Tanks füllen kann. Passende Motoren sind kein Problem. Man kann sie in gängige Autos einbauen. Statt der stinkenden giftigen Abgase kommt dann bei diesen Autos der Zukunft nur mehr reines Wasser aus dem Auspuff.“

Willi Opa Grazer Samstag 26. April 1975 Nr. 17 S. 20 WordPress

Grazer Samstag, 26. April 1975, Nr. 17, S. 20 (Ausschnitt aus Artikel)

Bereits vor knapp einem halben Jahrhundert hat mein Großvater Überlegungen betreffend alternative Energiequellen und Umweltschutz angestellt. Er war diesbezüglich nicht der erste und nicht der einzige. Mit der Idee, wegen des Verkehr- und Parkplatzproblems einen Fluss, nämlich die durch Graz führende Mur, zu überdecken, um eine unterirdische Straße zu bauen, Parks- und Parkplätze darauf zu errichten, dürfte er es schon gewesen sein. Bei seinen „Wettermaschinen“ zur Schaffung künstlicher Schönwetterzonen und seinen Luftreinigungsgeräten bin ich mir nicht so sicher. Für mich war er jedenfalls ein Erfinder, ein Visionär, ein Andersdenker, das Maß aller Dinge. Immerhin ist 1975 sogar ein ganzseitiger Artikel in einer Zeitung über ihn erschienen: „Der Mann, der mit Wind die Autos antreibt…“ Großvater wusste so gut wie alles über Technik, Physik, Mathematik, und über Astronomie, die mich besonders interessierte. Er lebte in seiner eigenen Welt. Anderen ging er mit seinen Monologen über diese auf die Nerven. Zweifellos. Mir niemals!

Es war Anfang der 1970er Jahre, nach dem von der österreichischen Bundesregierung beschlossenen Bau des Atomkraftwerkes in Zwentendorf, an der „Wende zur Wegwerfwirtschaft“ (Zit. Großvater). Mein Großvater hielt die Kernkraft von Anfang an nicht für die richtige Energieform für Österreich. Er sah in ihr eine Gefahr für die Menschen und erkannte in der Beseitigung des Atommülls ein unlösbares Problem. Außerdem wies er in Zusammenhang mit den Auswirkungen der Ölkrise im Jahre 1973 darauf hin, dass es keine Fundstätten für den Kernbrennstoff bei uns gäbe und wir uns in vielfacher Hinsicht mit einem Atomkraftwerk in eine verhängnisvolle Abhängigkeit vom Ausland begäben.

Willi DSCN0031Die Alternative sah er – neben der Nutzung der Wasserkraft und der Sonnenergie – in einer mit dem Zusammenspiel beider zusammenhängenden anderen Energieform. Sie sei reichlich vorhanden, unerschöpflich und sauber. Durch die von der Sonne auf die Erde eingestrahlte Energie werden zur Betätigung des Wasser- und Luftkreislaufes von der Hydrosphäre und Atmosphäre permanent ungeheure Mengen an Energie absorbiert. Die Menschheit habe seit Jahrtausenden den Wind genutzt, Schiffe und Windmühlen mit ihm betrieben. Ich erinnere mich noch gut an die vielen vollgeschriebenen Blätter mit seinen Berechnungen, die mein Großvater über den Wirkungsgrad der Windkraft, die Menge der nötigen Windräder, deren Betrieb etc. anstellte. Dass man aufgrund des sporadischen Charakters des Windes die aus ihm gewonnene Energie speichern musste, war ihm dabei voll bewusst. Als Lösung des Problems sah er Vorrichtungen zur Elektrolyse des Wassers zum Zwecke der Umformung der Windenergie in Wasserstoff. Der Wasserstoff war seiner Meinung nach der Energieträger der Zukunft – nicht nur ein Brennstoff für kalorische Kraftwerke, sondern auch der umweltfreundlichste Kraftstoff zum Antrieb von Fahrzeugen (Brennstoffzellenfahrzeuge – Hydrogene Fuel Cell Cars). Das bei der Elektrolyse anfallende Nebenprodukt Sauerstoff wiederum könnte zur Sanierung verseuchter Gewässer dienen. In Zusammenhang mit der Umsetzung seiner Utopie erkannte er ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm.

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Brennstoffzellenantrieb . Ein brandaktuelles Thema unserer Zeit (Foto: Air Liquide Energy)

Das Wissen und die Standpunkte meines 1897 in Wien geborenen Großvaters basierten auf seinem mit Auszeichnung abgeschlossenem Studium an der dortigen Technischen Hochschule und auf seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Konstrukteur von Hochspannungsschaltanlagen und Kraftwerken bei Siemens-Schuckertwerken. Seine heute verblüffend aktuellen Utopien hat er in seiner Korrespondenz mit Fachleuten und auch ganz unterschiedlichen Personen wie Bundeskanzler Bruno Kreisky und Otto von Habsburg dargelegt. „Aber es ist nichts geschehen“, wie mein damals bereits pensionierter Großvater 1975 am den ehemaligen Rektor der Technischen Universität Graz (Prof. Dr. Techn. Günther Oberdorfer) schreibt. 1978 resümierte er pazifistisch und pragmatisch: „Hätte man nicht auf die Generäle gehört und seit Kriegsende [1945], statt erneut zu rüsten, Wasser- und Windkraftwerke auf der ganzen Erde ausgebaut, so wäre man all den Schwierigkeiten mit den Kernkraftwerken, die erst jetzt so richtig zum Vorschein gekommen sind […] aus dem Wege gegangen.“ Man hat aber auf sie gehört. Auf meinen Opa nicht so sehr. Deshalb müssen wir uns heute erst klar darüber werden, was wir vorgestern zu tun vergessen haben, damit es uns übermorgen zumindest so gut geht wie gestern.

DI Wilhelm Braunsteiner (1897 in Wien – 1984 in Graz). Opa Willi, du fehlst mir. Ich liebe dich immer noch. Zu dumm, dass wir keinen deiner so speziellen Mokkas oder einen Earl Grey zusammen genießen und über deine Visionen reden können. Kommenden Mittwoch. So gegen 16.00 Uhr. Wie immer.

Michael . LitterART

Links zum Thema:

Günter Rauecker, Wasserstoff, Der Brennstoff der Zukunft, in: OEAMTC, auto touring 11/2017

Hanne Schweitzer, Brennstoffzellenautos, Dampf statt Diesel, DIE ZEIT, 13.11.2017

Chris Lilly, Hydrogen Fuel Cell Cars

 

ICH . MUSEUM

21 Feb

Ich bin (k)ein Museum [je nachdem].

EX: „I AM“-SERIES by (c) LitterART 2018

SPRACHE

5 Jan

ER: Meine Sprache ist heute so komisch.

SIE: Ja, sie ist so sprächlich!

Foto & Text: LitterART

DER MANN MIT DER HACKE . Liliana Porter, El hombre con el hacha y otras situaciones breves, Biennale Venecia, 2017

16 Nov

FLI.Venedig . Biennale Liliane Porter . Mann mit Hacke DSCF2226

Mit der Zeit ist das so eine Sache! Die Zeit ist gefräßig. Sie ernährt sich von den Veränderungen der Materie. Dort, wo etwas entsteht und aufwächst, wo etwas verfällt und zerfällt, wo etwas von einem in das andere übergeht, ist die Zeit am Wirken. Die Zeit ist überall, wo etwas ist. Wo nichts ist, ist auch keine Zeit. Wo nichts war, war auch die Zeit nicht. Und wo nichts mehr sein wird, wird auch die Zeit nicht mehr sein. Irgendwann wird sich die Zeit satt gefressen haben – – – bis sie wieder hungrig werden wird?

(c) LitterART 2017

DER EINZWITSCHERER

30 Sep

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Der EINZWITSCHERER ist ein lästig Ding. Erst schultert er, dann zwitschert und zwitschert er, bis der Kopf seine TagesverFASSUNG VERLIERT.

Painting: Christoph Schmidberger

www.christophschmidberger.com/

 Photography & Text: LitterART

ALLERLEIHRAUH

2 Sep

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Es war einmal ein König, der hatte eine Frau mit goldenen Haaren, und sie war so schön, dass sich ihresgleichen nicht mehr auf Erden fand. Es geschah, dass sie krank lag, und als sie fühlte, dass sie bald sterben würde, rief sie den König und sprach: »Wenn du nach meinem Tode dich wieder vermählen willst, so nimm keine, die nicht ebenso schön ist, als ich bin, und die nicht solch goldene Haare hat, wie ich habe; das musst du mir versprechen.« Nachdem es ihr der König versprochen hatte, tat sie die Augen zu und starb.

Der König war lange Zeit nicht zu trösten und dachte nicht daran, eine zweite Frau zu nehmen. Endlich sprachen seine Räte: »Es geht nicht anders, der König muss sich wieder vermählen, damit wir eine Königin haben.« Nun wurden Boten weit und breit umhergeschickt, eine Braut zu suchen, die an Schönheit der verstorbenen Königin ganz gleichkäme. Es war aber keine in der ganzen Welt zu finden, und wenn man sie auch gefunden hätte, so war doch keine da, die solch goldene Haare gehabt hätte. Also kamen die Boten unverrichteter Sache wieder heim.

Nun hatte der König eine Tochter, die war geradeso schön wie ihre verstorbene Mutter, und hatte auch solch goldene Haare. Als sie herangewachsen war, sah sie der König einmal an und sah, dass sie in allem seiner verstorbenen Gemahlin ähnlich war, und fühlte plötzlich eine heftige Liebe zu ihr. Da sprach er zu seinen Räten: »Ich will meine Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meiner verstorbenen Frau, und sonst kann ich doch keine Braut finden, die ihr gleicht.«

Als die Räte das hörten, erschraken sie und sprachen: »Gott hat verboten, dass der Vater seine Tochter heirate, aus der Sünde kann nichts Gutes entspringen, und das Reich wird mit ins Verderben gezogen.« Die Tochter erschrak noch mehr, als sie den Entschluss ihres Vaters vernahm, hoffte aber, ihn von seinem Vorhaben noch abzubringen. Da sagte sie zu ihm: »Eh ich Euren Wunsch erfülle, muss ich erst drei Kleider haben, eins so golden wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und eins so glänzend wie die Sterne; ferner verlange ich einen Mantel, von tausenderlei Pelz und Rauhwerk zusammengesetzt, und ein jedes Tier in Euerm Reich muss ein Stück von seiner Haut dazugeben.« Sie dachte aber: »Das anzuschaffen ist ganz unmöglich, und ich bringe damit meinen Vater von seinen bösen Gedanken ab.« Der König ließ aber nicht ab, und die geschicktesten Jungfrauen in seinem Reiche mussten die drei Kleider weben, eins so golden wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und eins so glänzend wie die Sterne; und seine Jäger mussten alle Tiere im ganzen Reiche auffangen und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen; daraus ward ein Mantel von tausenderlei Rauhwerk gemacht. Endlich, als alles fertig war, ließ der König den Mantel herbeiholen, breitete ihn vor ihr aus und sprach: »Morgen soll die Hochzeit sein.«

Als nun die Königstochter sah, dass keine Hoffnung mehr war, ihres Vaters Herz umzuwenden, so fasste sie den Entschluss, zu entfliehen. In der Nacht, während alles schlief, stand sie auf und nahm von ihren Kostbarkeiten dreierlei, einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen; die drei Kleider von Sonne, Mond und Sternen tat sie in eine Nussschale, zog den Mantel von allerlei Rauhwerk an und machte sich Gesicht und Hände mit Ruß schwarz. Dann befahl sie sich Gott und ging fort, und ging die ganze Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Und weil sie müde war, setzte sie sich in einen hohlen Baum und schlief ein.

Die Sonne ging auf, und sie schlief fort und schlief noch immer, als es schon hoher Tag war. Da trug es sich zu, dass der König, dem dieser Wald gehörte, darin jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen, schnupperten sie, liefen ringsherum und bellten. Sprach der König zu den Jägern: »Seht doch, was dort für ein Wild sich versteckt hat.« Die Jäger folgten dem Befehl, und als sie wiederkamen, sprachen sie: »In dem hohlen Baum liegt ein wunderliches Tier, wie wir noch niemals eins gesehen haben: an seiner Haut ist tausenderlei Pelz; es liegt aber und schläft.« Sprach der König: »Seht zu, ob ihr’s lebendig fangen könnt, dann bindet’s auf den Wagen und nehmt’s mit.« Als die Jäger das Mädchen anfassten, erwachte es voll Schrecken und rief ihnen zu: »Ich bin ein armes Kind, von Vater und Mutter verlassen, erbarmt euch mein und nehmt mich mit.« Da sprachen sie: »Allerleirauh, du bist gut für die Küche, komm nur mit, da kannst du die Asche zusammenkehren.« Also setzten sie es auf den Wagen und fuhren heim in das königliche Schloss.

Dort wiesen sie ihm ein Ställchen an unter der Treppe, wo kein Tageslicht hinkam, und sagten: »Rauhtierchen, da kannst du wohnen und schlafen.« Dann ward es in die Küche geschickt, da trug es Holz und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das Federvieh, belas das Gemüs, kehrte die Asche und tat alle schlechte Arbeit.

Da lebte Allerleirauh lange Zeit recht armselig. Ach, du schöne Königstochter, wie soll’s mit dir noch werden! Es geschah aber einmal, dass ein Fest im Schloss gefeiert ward, da sprach sie zum Koch: »Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen? Ich will mich außen vor die Türe stellen.« Antwortete der Koch: »Ja, geh nur hin, aber in einer halben Stunde musst du wieder hier sein und die Asche zusammentragen.«

Da nahm sie ihr Öllämpchen, ging in ihr Ställchen, zog den Pelzrock aus und wusch sich den Ruß von dem Gesicht und den Händen ab, sodass ihre volle Schönheit wieder an den Tag kam. Dann machte sie die Nuss auf und holte ihr Kleid hervor, das wie die Sonne glänzte. Und wie das geschehen war, ging sie hinauf zum Fest, und alle traten ihr aus dem Weg, denn niemand kannte sie. Der König aber kam ihr entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte mit ihr und dachte in seinem Herzen: »So schön haben meine Augen noch keine gesehen.«

Als der Tanz zu Ende war, verneigte sie sich, und wie sich der König umsah, war sie verschwunden, und niemand wusste, wohin. Die Wächter, die vor dem Schlosse standen, wurden gerufen und ausgefragt, aber niemand hatte sie erblickt. Sie war aber in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind ihr Kleid ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht und den Pelzmantel umgetan und war wieder Allerleirauh. Als sie nun in die Küche kam und an ihre Arbeit gehen und die Asche zusammenkehren wollte, sprach der Koch: »Lass das gut sein bis morgen und koche mir da die Suppe für den König, ich will auch einmal ein bisschen oben zugucken; aber lass mir kein Haar hineinfallen, sonst kriegst du in Zukunft nichts mehr zu essen.«

Da ging der Koch fort, und Allerleirauh kochte die Suppe für den König und kochte eine Brotsuppe, so gut es konnte, und wie sie fertig war, holte es in dem Ställchen seinen goldenen Ring und legte ihn in die Schüssel, in welcher die Suppe angerichtet ward. Als der Tanz zu Ende war, ließ sich der König die Suppe bringen und aß sie, und sie schmeckte ihm so gut, dass er meinte, niemals eine bessere Suppe gegessen zu haben. Wie er aber auf den Grund kam, sah er da einen goldenen Ring liegen und konnte nicht begreifen, wie er dahin geraten war.

Da befahl er, der Koch sollte vor ihn kommen. Der Koch erschrak, wie er den Befehl hörte, und sprach zu Allerleirauh: »Gewiss hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen; wenn’s wahr ist, so kriegst du Schläge.« Als er vor den König kam, fragte dieser, wer die Suppe gekocht hätte. Antwortete der Koch: »Ich habe sie gekocht.« Der König aber sprach: »Das ist nicht wahr, denn sie war auf andere Art und viel besser gekocht als sonst.« Antwortete er: »Ich muss es gestehen, dass ich sie nicht gekocht habe, sondern das Rauhtierchen.« Sprach der König: »Geh und lass es heraufkommen.«

Als Allerleirauh kam, fragte der König: »Wer bist du?« – »Ich bin ein armes Kind, das keinen Vater und Mutter mehr hat.« Fragte er weiter: »Wozu bist du in meinem Schloss?« Antwortete es: »Ich bin zu nichts gut, als dass mir die Stiefel um den Kopf geworfen werden.« Fragte er weiter: »Wo hast du den Ring her, der in der Suppe war?« Antwortete es: »Von dem Ring weiß ich nichts.« Also konnte der König nichts erfahren und musste es wieder fortschicken.

Über eine Zeit war wieder ein Fest, da bat Allerleirauh den Koch wie voriges Mal um Erlaubnis, zusehen zu dürfen. Antwortete er: »Ja, aber komm in einer halben Stunde wieder und koch dem König die Brotsuppe, die er so gerne isst.«

Da lief es in sein Ställchen, wusch sich geschwind und nahm aus der Nuss das Kleid, das so silbern war wie der Mond, und tat es an. Da ging sie hinauf und glich einer Königstochter; und der König trat ihr entgegen und freute sich, dass er sie wiedersah, und weil eben der Tanz anhub, so tanzten sie zusammen. Als aber der Tanz zu Ende war, verschwand sie wieder so schnell, dass der König nicht bemerken konnte, wo sie hinging. Sie sprang aber in ihr Ställchen und machte sich wieder zum Rauhtierchen und ging in die Küche, die Brotsuppe zu kochen. Als der Koch oben war, holte es das goldene Spinnrad und tat es in die Schüssel, sodass die Suppe darüber angerichtet wurde. Danach ward sie dem König gebracht, der aß sie, und sie schmeckte ihm so gut wie das vorige Mal, und ließ den Koch kommen, der musste auch diesmal gestehen, dass Allerleirauh die Suppe gekocht hätte. Allerleirauh kam da wieder vor den König, aber sie antwortete, dass sie nur dazu da wäre, dass ihr die Stiefel an den Kopf geworfen würden, und dass sie von dem goldenen Spinnrädchen gar nichts wüsste.

Als der König zum dritten Mal ein Fest anstellte, da ging es nicht anders als die vorigen Male. Der Koch sprach zwar: »Du bist eine Hexe, Rauhtierchen, und tust immer etwas in die Suppe, davon sie so gut wird und dem König besser schmeckt, als was ich koche«; doch weil es so bat, so ließ er es auf die bestimmte Zeit hingehen. Nun zog es ein Kleid an, das wie die Sterne glänzte, und trat damit in den Saal. Der König tanzte wieder mit der schönen Jungfrau und meinte, dass sie noch niemals so schön gewesen wäre. Und während er tanzte, steckte er ihr, ohne dass sie es merkte, einen goldenen Ring an den Finger, und hatte befohlen, dass der Tanz recht lang währen sollte. Wie er zu Ende war, wollte er sie an den Händen festhalten, aber sie riss sich los und sprang so geschwind unter die Leute, dass sie vor seinen Augen verschwand.

Sie lief, was sie konnte, in ihr Ställchen unter der Treppe, weil sie aber zu lange und über eine halbe Stunde geblieben war, so konnte sie das schöne Kleid nicht ausziehen, sondern warf nur den Mantel von Pelz darüber, und in der Eile machte sie sich auch nicht ganz rußig, sondern ein Finger blieb weiß. Allerleirauh lief nun in die Küche, kochte dem König die Brotsuppe und legte, wie der Koch fort war, den goldenen Haspel hinein. Der König, als er den Haspel auf dem Grunde fand, ließ Allerleirauh rufen; da erblickte er den weißen Finger und sah den Ring, den er im Tanze ihr angesteckt hatte. Da ergriff er sie an der Hand und hielt sie fest, und als sie sich losmachen und fortspringen wollte, tat sich der Pelzmantel ein wenig auf, und das Sternenkleid schimmerte hervor.

Der König fasste den Mantel und riss ihn ab. Da kamen die goldenen Haare hervor, und sie stand da in voller Pracht und konnte sich nicht länger verbergen. Und als sie Ruß und Asche aus ihrem Gesicht gewischt hatte, da war sie schöner, als man noch jemand auf Erden gesehen hat. Der König aber sprach: »Du bist meine liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr voneinander.« Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihren Tod.

Anm. LitterART:

Sie, Vater und Tochter, lebten vergnügt bis an ihren Tod???

RAUH – mittelhochdeutsch „rûch“, haarig – noch in dieser Bedeutung in der Kürschnerei als Rauhware oder Rauchware für Pelzwaren geläufig – auch noch im Terminus „Rauhnacht“ enthalten.

Aus meiner Sicht interessant an diesem für Kinder schwer bis gar nicht verständlichen, kryptischen Märchen ist neben den bekannten Daten der Herkunftsforschung die Frage nach weiteren Einflüssen, und zwar zweier Heiligenlegenden, jene der Maria Magdalena einerseits, die der Heiligen Kümmernis andererseits. Die Hl. Maria Magdalena soll der Legende nach lange als büßende Einsiedlerin in der Einsamkeit einer Höhle nur mit den wilden Tieren gelebt haben. Im späten Mittelalter wurde sie nackt mit mit einem wunderbarerweise gewachsenen Haarkleid dargestellt. Die Heilige Kümmernis, auch „Wilgefortis“ (von lat. „virgo fortis“, starke Jungfrau) oder  „Ontkommer“ (niederländisch) genannt, wird als Gekreuzigte im langen Gewand, bärtig und gekrönt dargestellt. Der spätmitterlichen Legende nach war sie eine zum Christentum bekehrte Königstochter, die von ihrem Vater zwangsverheiratet werden sollte. Sie wehrte sich und wollte häslich werden, um der Heirat zu entgehen. Ihre inständigen Gebete wurden erhört: Ihr wuchs ein Bart. Der erboste Vater ließ die Jungfrau daraufhin „nach Art ihres gekreuzigten Gottes“ durch Kreuzigung hinrichten (Hl. Kümmernis, Geistthal).

Text: Aus den „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm

Foto/Interpretative Illustration: LitterART