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DER MANN MIT DER HACKE . Liliana Porter, El hombre con el hacha y otras situaciones breves, Biennale Venecia, 2017

16 Nov

FLI.Venedig . Biennale Liliane Porter . Mann mit Hacke DSCF2226

Mit der Zeit ist das so eine Sache! Die Zeit ist gefräßig. Sie ernährt sich von den Veränderungen der Materie. Dort, wo etwas entsteht und aufwächst, wo etwas verfällt und zerfällt, wo etwas von einem in das andere übergeht, ist die Zeit am Wirken. Die Zeit ist überall, wo etwas ist. Wo nichts ist, ist auch keine Zeit. Wo nichts war, war auch die Zeit nicht. Und wo nichts mehr sein wird, wird auch die Zeit nicht mehr sein. Irgendwann wird sich die Zeit satt gefressen haben – – – bis sie wieder hungrig werden wird?

(c) LitterART 2017

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DAS WELCH

10 Jul

FLI.Wetterleuchten 9.7.17.1

1963, 1964, 1965, 1966. Ewiges Licht durchdringt das Requiem. Ligeti, obschon, obwohl, obgleich der Odyssierte, ein, mein kristallener Regenbogen im finsteren Nichts.

Unter dem vergesterten Herrgottswinkel mit den roten Leuchtherzen und den PEZ-Figuren die zwei alten Bären mit ihren Faschingshüten scheinlebendig über meine Schulter blicken.

Zahlreiche Geschichten von Kindheiten, von Kindungen, längst erschossen von Papierpistolen, umwachsen ihre Strohkörper.

Unsichtbarer Efeu – oder ist er aus zerbrechlichem Glas? Soll ich ihn von ihnen reißen – ihn abschlagen mit einem Stock? 1959, 1960, 1961, 1962.

Diesmal aus dem Süden wieder Donnergrollen nach langer Dürre. Es mittwocht, es sommert, es abend, bald nachtet es, es hat geregnet. Noch bellt der Bock nicht auf der nassen Wiese.

Kyrie Lachrimosa, kein Stadtkind zu Besuch, das er erschrecken könnte, und der Schrei des Hauskauzes setzt sich nicht im Nebel fest, der von den gemähten Erden aufsteigt im abermaligen langen Donnerrollen.

Die Aufregungen der Amseln sind schon länger im Wald versickert: Wie sehr haben sie mich stets an ungemachte Aufgaben erinnert, waren mein Zuspät, mein Mahnruf, meine Gewissensklage, meine Erledigungsverzweiflung!

A wie Aristoteles. Ä wie Ägais. T wie Thessaloniki! Mich dürstet, mich hungert, mich beunruhigt provoziertes Erinnertes. Engung. Kürzung. Längung. Lenkung. Fremdlenkung. Selbstlenkung. Ablenkung. Flickr. Twitter. Youtube. Ebay. Willhaben. Standard. New York Times. Kleine Zeitung. Grammherz.

Das 32-Meter-Band, meine alte Liebe, die bis in mein Steirisches reicht: 9420 Kiloherz, die traditionellen griechischen Lieder, aber mit starkem Fading heute Nacht.

Oft mundtot, klangberaubt, totverschuldet meine drübenden Freunde im Gemüt. Gleissblau das näher kommende Blitzen, das mich diesmal an Nikola Tesla denken lässt, nach gewaschenem Silber duftend der Regen auf den berauschten Blättern. Manchmal trägt der Wind das Geläute der mit goldenem Patriarchenkreuz bekrönten Kirche über Klüfte und Kuppen, Weiden und Wipfel bis herüber zu uns; diesmal nicht, aber die kühle Waldluft, die durch die Fensterluke strömt, regt mich zum Wittern naher Wunder an.

Die Nässe hat die Grillen in ihre Erdlöcher gedrängt. Auch die fernsten Hunde schweigen auf wenigen steilhangverstreuten Gehöften. Jedoch einen einzelnen tapferen Heuschreck höre ich. Tropfen klopfen auf den immer noch offenen Sonnenschirm, die solargespeiste Lampionkette zittert zaghaft an der Wäscheleine.

Unser Hund schläft auf dem Perserteppich mitten in unserer steirischen Ereignisferne. Ich muss an das Welch denken.

Eine Ironie!

 

LitterART, 28.6.2017

NICHT MEHR

16 Mrz

Ausgebrückt | By LitterART | 16/03/2010 ©

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NICHT MEHR *

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Er fühlt sich ganz gebrückt. Mit den Zähnen beißt er ins Gras des einen Ufers. Mit den Zehen gräbt er sich in die Erde des anderen. Dazwischen bäumt sich sein Leib. Er wird überfahren. Er wird übergangen. Er ist einfach nur da. Ein einziger Schmerz ist er.

Nicht mehr. Für sich ist er da. Er ist da nur für die Anderen.

Franz heißt er. Es gibt ihn schon lange. Nicht mehr. Zwischen den Steinwänden verhallt seine Wandelstimme nicht. Und nicht: „Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.“ Franzens Stimmung ist keine gute. Franz lebt. Nicht mehr. Franz lebt von der Spannung. Verliert Franz seine Spannung, ist er. Nicht mehr.

Unter ihm die Forellenlosigkeit des Baches. Über ihm das Eis des Himmels. Auf ihm das ewig Verkehrte. Franz will. Nicht mehr. Franz kann. Nicht mehr. Er sackt in sich zusammen. Er wird zum Es. Es hat sich ausgebrückt. Franz ist. Nicht mehr.

* Hommage à Franz K., Die Brücke

By LitterART | 16/03/2010 ©

KEIN SCHLÄCHTER MENSCH (DIE NACHTIGALL)

11 Jan

DIE NACHTIGALL - By LitterART, 11/01/2010 ©

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KEIN SCHLÄCHTER MENSCH

(DIE NACHTIGALL)

Einem Herrn war ein Vogel zugeflogen. Einen Vogel wie diesen hatte er noch nie gesehen. Das Tier war recht groß. Sein Rücken war braun. Sein langer Schwanz war rötlich. So sahen Drosseln aus. Das Fenster stand offen. Der Vogel hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Er flog nicht fort.

Am Abend bekam der Herr Besuch. Der Vogel wurde als Nachtigall identifiziert. Der Besuch ging wieder. Es wurde Nacht. Doch die Nachtigall sang nicht. Diese Drosselart ist sehr scheu. Der Herr stellte ihr ein Schälchen Wasser auf den Tisch. Lange sah die Nachtigall den Herrn an. Dann hopste sie auf den Tisch. Sie trank. Der Angesehene beobachtete sie genau. Sie war verletzlich. Die Nachtigall hatte eine gepiercte Zunge. In der Zunge trug sie einen goldenen Ring.

„Singe!“ sagte der Herr zur Nachtigall. „Singe!“ Der Vogel schwieg. Es wurde finster. Der Herr schaltete kein Licht an. Das Tier und der Mensch saßen sich gegenüber. Beide konnten einander im Dunkeln nicht sehen. „Singe!“ sprach der Herr. Im Raum blieb es ganz still.

Der Herr musste am nächsten Morgen früh aus dem Bett. Wegen der Nachtigall war er lange auf geblieben. Er hatte sie singen hören wollen. Draußen graute der Morgen. Die Nachtigall saß auf dem Tisch. Neben ihr stand das Schälchen mit dem Wasser. Hinter dem Vogel stand eine Vase. In ihr welkten Gerbera. Der Herr sah zum offenen Fenster hinaus. Der Morgenstern leuchtete am Himmel. Die ersten Amseln schlugen an. Es roch nach frischer Erde. Es schmeckte nach Nacktheit.

Der Herr stand auf. Er holte Hammer und Nagel. Die Wand hinter dem Tisch war schmucklos. Der Herr schlug einen Nagel an ihr ein. Der Vogel rührte sich nicht. Er schien zu schlafen. Vielleicht war er auch krank.

Der Herr fasste nach dem Vogel. Er drückte ihm den Schnabel auf. Der Zungenring kam zum Vorschein. Der Herr band ihn an einen Schnürsenkel. An diesem hing er den fremden Gast am Nagel auf. Danach bereitete sich der Herr ein Frühstück. Er nahm es am Tisch ein. An der weißen Wand hing die Nachtigall. Die Morgensonne fiel auf ihr Gefieder. Das Tier flatterte. Es glich einem gefangenen Fisch. Es erinnerte auch an einen Erhängten. Der Schnürsenkel zitterte. Der rote Schwanz berührte die Tischplatte nicht. Der Herr trank Kaffee. Dazu aß er eine Buttersemmel. Aus dem Radio waren grauenhafte Nachrichten zu hören. Es folgte Kammermusik. Im dunklen Auge des Singvogels war ein gellender Glanz. „Schweige!“ sagte der Herr im Gehen.

Tagsüber hatte der Herr nicht an die Nachtigall gedacht. Im Abendblau kehrte er in die Wohnung zurück. Die braune Nachtigall hing immer noch an der weißen Wand. Unter dem grauen Nagel hing sie. Ihr Zungenring glänzte golden. Festgebunden baumelte sie am schwarzen Schnürsenkel. Der Herr hielt sie für leblos. Er schenkte ihr keine Beachtung. Der Dunst der toten Gerbera stieg zur Hängenden auf. Der Vogel lebte noch. Seine Zunge hing ihm aus dem Schnabel. Der Herr holte eine Zange. Mit dieser zwickte er den Zungenring durch. Vorsichtig umfasste er den Vogel. Behutsam setzte er ihn auf den Tisch. Der Herr fühlte Gefühle. An sich war er kein schlächter Mensch. Ein Schälchen Wasser stellte er dem Wesen hin. Die Nachtigall bekam auch ein Näpfchen gekochten Reis. Jedoch: Sie trank nicht. Sie fraß nicht. Sie saß nur so da. So schön wie am Vorabend sah sie nicht mehr aus.

Der Herr wusste: Die Nachtigall würde auch diesmal nicht singen. Sie sang auch nicht. Der Herr ging früh zu Bett. Die Fenster hatte er wieder offen gelassen. Vor Mitternacht schrien die Käuze in den Bäumen. Gegen drei Uhr Früh zog ein Gewitter auf. Am Morgen gurrten die Tauben im Dachgebälk. Am Vormittag schlugen Tropfen auf das Fensterblech. Der Herr ging sich ein Glas Wasser holen. Es war Sonntag. Der Vogel war nicht mehr da.

Der Herr hatte Angeln gehen wollen. Es war kühl. Es war grau. Es regnete. Kurz entschlossen ging der Herr zu einer Frau. Er wollte vieles von ihr. Sie konnte ihm nichts davon geben. Sie erwarte einiges von ihm. Er verweigerte ihr alles. Die beiden verbrachten den Tag dennoch gemeinsam.

Am Abend klarte es auf. Der Single kam trübselig nach Hause. Aus seinem Fenster hörte er den Gesang einer Nachtigall. Freudig lief er die Treppe hoch. Er sperrte die Wohnungstür auf. Er konnte sein Herz springen fühlen. Ein Luftzug fuhr durch die Wohnung. Der Herr blickte zu Boden. Federn wehten ihm entgegen. Sie waren rötlich und braun. Etwas huschte aus dem Fenster. Auf dem Gesimse flüchtete ein Schatten. Es raschelte im Efeu. Die Nachbarn hatten einen Kater. Die Nachtigall sang nicht mehr.

By LitterART, 11/01/2010  ©

IST GOTT DENKBAR?

9 Jan

An accident? An encounter? An . . . ? By LitterART, 09/01/2010 ©

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IST GOTT DENKBAR?


Der Mensch.

Immer lenkbar vom Menschen.

Dankbar nie.

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Manchmal denkt der Mensch.

In den Schatten der Flammen

ein Duften und Stinken.

Die Gezeiten der Galaxien.

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Ist Gott denkbar?

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Das Tier

kann

seinen Herzschlag fühlen.

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By LitterART, 09/01/2010  ©